Kocznar, Versicherungsmakler

 

...was vom Tage übrig blieb...

Satirisches aus dem Wahlkampf Kammerwahl 2005.

Rio Bravo

Eine wahre Geschichte

Früher mochte ich Western, und Actionfilme. Heute weiss ich, dass das Ersatzhandlungen waren, für aufregende Dinge, die ich nicht erleben konnte. Das brauche ich nicht mehr, denn jetzt bin ich mittendrin. Ein Western, sagte der Regisseur Howard Hawks,  beginnt, indem ein Reiter quer durch das Bild fegt, dass der Staub aufwirbelt.

Damit bin ich in Gedanken wieder bei der ersten Sitzung, der ich als Funktionär beiwohnen durfte. Das war aufregend. Die Erinnerung versetzt mich aber auch in weihevolle Stimmung. Ich bin nämlich auch ein ordentlicher Staatsbürger, der an die jährliche Budgetrede des jeweiligen Finanzministers glaubt.

Es begann mit der Wahl des Vorsitzenden. Das war eine glatte Sache, kostete wenig Zeit. Danach wurden die Stellvertreter gewählt. Da musste aber ein paar Mal die Wahl angenommen, zurückgetreten und wieder gewählt werden, bis die Reihenfolge so passte, wie sie vorher besprochen war. Das dauerte etwas länger, aber Handschlagqualität ist das wert.

Ein hoher Funktionär, der zugegen war, hielt noch eine kurze, lobende Ansprache. Es ist erhebend, von einem Altgedienten zu hören, dass man eben an einem Musterbeispiel gelebter Demokratie teilgenommen hat.

Es war nur zu verständlich, dass die Teilnehmer nach diesem schönen und demokratischen, aber anstrengenden Prozess erschöpft waren. Immerhin waren der Vorsitzende sowie die Stellvertreter erfolgreich gewählt worden, und eine solide Mehrheit hatte eine lästige Sache verhindert, die zu Recht als Kampfabstimmung gebrandmarkt wird. Wir hatten das alles in einem knappen Vormittag erledigt.

Hatte ich nun geglaubt, dass eine wohlverdiente Ruhepause angesagt war, dann sah ich mich getäuscht. Das Gremium, einmal in Fahrt geraten, gönnte sich keine Pause und beschloss, bereits nach einem halben Jahr schon wieder zusammenzutreten. Die konstituierende Sitzung war im Frühjahr, und bereits im Oktober sollte also die nächste sein. Das wären ja dann zwei Sitzungen im Jahr, rechnete ich flink aus. Ob unter dieser Hektik nicht die Qualität der Arbeit leiden würde?

Die wissen schon, was sie tun, überlegte ich und dachte an die amerikanischen Gründungsväter. Die diskutierten den ganzen Vormittag lang, setzten sich zwei Stunden zum Mittagessen, und diskutierten genau an der Stelle weiter, an der sie zuvor aufgehört hatten, und das tagelang. Kein Wunder, diese Konzentration, die hatten sonst auch nichts anderes zu tun. Und was ist aus Ihnen geworden? Kein Mensch kennt sie mehr.

Nach der Wahl gingen die Jahre erfolgreich ins Land, denn der Vorsteher war gewählt und waltete seines Amtes. Alles lief wie geschmiert, und die hohe Sitzungsfrequenz wurde unbeirrt beibehalten. Weil man sich schon lange kannte, musste nicht viel geredet werden. Der Vorsitzende wusste, was er zu tun hatte und seine Fraktion konnte ihm zu Recht vertrauen.

So ist alles in bester Ordnung, und das Gremium ist berechenbar. Man weiss, was es getan hat und kann Ergebnisse problemlos vorhersagen. Stabilität ist in diesen unruhigen Zeiten etwas sehr Wertvolles, und solide Mehrheiten verhindern verantwortungslose Experimente mit ungewissem Ausgang.

Wer in dieser Atmosphäre vollendeter Harmonie einen Fehltritt begeht, etwa einen Alleingang, der kann nicht anders als im Stil der chinesischen Kulturrevolution Selbstkritik üben.

Obwohl Ruhe erste Funktionärspflicht ist, habe ich einen Kollegen unterstützt, dem die Unterstützung von höherer Stelle abgesprochen worden war. Zweckmäßigerweise geschah das außerhalb des Gremiums. Das Gremium änderte dann doch seine Meinung und die ganze Sache kam zu einem für den ganzen Berufsstand erfreulichen Abschluss.

Der Kollege hätte die Unterstützung des Gremiums nicht gebraucht, er war nur so störrisch, sie als Mitglied der Kammer einfach einzufordern. Da könnte ja jeder kommen. Er ist gekommen, und ich stellte fest, dass es mir großen Spaß gemacht hat.

Eigenartig, jetzt ist mir die ganze Beschaulichkeit abhanden gekommen. Ich habe mit Rio Bravo begonnen und bin bei einem ganz anderen Film gelandet. Was war denn das? Ach ja, das Schweigen der Lämmer.

Reinhard Kocznar

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